Kennst du das „um zu“?
Wir machen so vieles „um zu“. Wir meditieren, um ruhig zu werden. Wir arbeiten, um erfolgreich zu werden. Wir bemühen uns, um endlich anzukommen, um endlich dazuzugehören. Und oft hört man auch Sätze wie diese: Wenn ich erst meditiert habe, dann bin ich ruhig. Wenn ich erst im Retreat war, dann geht es mir gut.
Und wenn es dann nicht so klappt, wie wir es uns vorgestellt haben, geben wir dem Meditieren die Schuld. Das funktioniert nicht. Die Methode hat versagt. Oder es kommt der Satz, den ich so oft höre: „Ich kann nicht meditieren.“
Ich kenne das gut. Nicht nur von anderen, sondern vor allem von mir selbst.
Meine eigene Geschichte mit dem „um zu“
Ich habe es lange vor mir hergeschoben, mich um mich selbst zu kümmern. So lange, bis fast gar nichts mehr ging. Und als ich dann angefangen habe zu meditieren, war es am Anfang natürlich auch ein „um zu“: um wieder ruhiger zu werden, um wieder zu funktionieren, um irgendwie wieder auf die Beine zu kommen.
Aber je länger ich mich mit Meditation und mit mir selbst beschäftigt habe, desto klarer wurde mir etwas, das mich ehrlich gesagt überrascht hat. Vieles von dem, was ich glaubte, werden zu müssen, kam gar nicht von mir. Es kam von außen. Ich sollte dies sein und jenes, ruhiger oder lauter, angepasster oder erfolgreicher, und irgendwann habe ich all diese Erwartungen für meine eigenen gehalten.
Und dann kam der Moment, in dem mir bewusst wurde: Ich muss das alles gar nicht. Ich bin gut, so wie ich bin. Ich bin mit so vielen Talenten auf die Welt gekommen, und ich darf sie leben. Mehr noch, es ist sogar meine eigene Entscheidung, ob ich sie lebe oder nicht. Weil ich im Grunde schon alles bin, was ich bin. Ich muss nichts mehr werden.
Die heimliche Verzögerungstaktik
Dieses „um zu“ ist eigentlich eine heimliche Verzögerungstaktik. Wir schieben das Ankommen immer weiter in die Zukunft. Erst muss ich noch das erledigen, dann noch das, und dann, irgendwann, darf ich. Oder wir haben damit ganz bequem eine Ausrede, es gar nicht erst zu tun, denn der perfekte Moment ist ja noch nicht da.
Genau darin liegt der Trugschluss. Denn der perfekte Moment kommt nie. Und das Ankommen, nach dem wir uns so sehnen, liegt nicht irgendwo am Ende eines Weges. Es ist schon da, jetzt, in diesem Moment, in dem du diese Zeilen liest.
Es ist wie mit dem Himmel. Er ist immer blau, auch an den Tagen, an denen der Nebel so dicht ist, dass wir ihn nicht sehen.
– Daniela, einfach.sein
Was die alten Traditionen dazu sagen
Das Schöne ist: Mit diesem Gedanken bin ich nicht allein. Er zieht sich durch viele Weisheitstraditionen, so unterschiedlich sie auch sind.
Zen: einfach nur sitzen. Im Zen gibt es eine Form der Meditation, die Shikantaza heißt, was so viel bedeutet wie „nur sitzen“. Der japanische Zen-Meister Dōgen hat gelehrt, dass man nicht sitzt, um eines Tages erleuchtet zu werden. Das Sitzen selbst ist schon Ausdruck dessen, was wir suchen. Es gibt nichts zu erreichen, nur etwas zu erleben.
Yoga: zurückkehren zum eigenen Wesen. In den Yoga-Sutren des Patanjali heißt es sinngemäß: Wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen, ruht der Sehende in seinem wahren Wesen. Das ist kein neuer Zustand, den wir uns erarbeiten müssen. Es ist ein Zurückkehren zu dem, was immer schon da war und nur von all dem Lärm zugedeckt wurde.
Taoismus: Wu Wei. Im alten China beschreibt Laozi das Prinzip des Wu Wei, des Handelns ohne Erzwingen. Wie Wasser, das nicht gegen den Stein kämpft und trotzdem seinen Weg findet. Nicht nichts tun, sondern tun, ohne zu zerren und zu drängen.
Christliche Mystik: Gelassenheit. Auch Meister Eckhart, der große Mystiker des Mittelalters, sprach von der „Gelassenheit“, dem Loslassen des eigenen Wollens. Für ihn begann das Wesentliche genau dort, wo wir aufhören, etwas erreichen zu wollen.
Achtsamkeit heute: Nicht-Erzwingen. Und selbst in der modernen Achtsamkeitspraxis findet sich dieser Gedanke wieder. Im MBSR, dem Achtsamkeitsprogramm nach Jon Kabat-Zinn, ist „Nicht-Erzwingen“ eine der Grundhaltungen. Wir üben nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um da zu sein, wo wir schon sind.
Becoming Nobody. Ein Film, der mich sehr berührt hat, ist der Dokumentarfilm „Becoming Nobody“ über den Lehrer Ram Dass. Er war einmal ein erfolgreicher Psychologieprofessor in Harvard, hatte alles, was man „werden“ kann, und hat erkannt, dass das Wesentliche nicht im Werden liegt, sondern im Sein. Sein berühmtes Buch heißt nicht ohne Grund „Be Here Now“, sei jetzt hier. Wenn du an einem ruhigen Abend etwas zum Nachdenken suchst, ist dieser Film eine schöne Einladung.
Was du für den Alltag mitnehmen kannst
Vielleicht fragst du dich jetzt: Und warum soll ich dann überhaupt meditieren, wenn ich doch nichts werden muss? Genau deshalb. Meditation ist kein Werkzeug, um irgendwohin zu kommen. Sie ist eine liebevolle Erinnerung, eine Art Rückverbindung an das, was schon immer in dir war.
Und das darf ganz einfach sein. Du kannst es heute ausprobieren:
- Ertappe dein „um zu“. Wenn du dich das nächste Mal hinsetzt, um zu meditieren, nimm einfach wahr, mit welchem Ziel du dich hinsetzt. Du musst es nicht wegmachen. Es reicht, es zu bemerken.
- Drei Atemzüge ohne Absicht. Atme dreimal bewusst ein und aus, ohne dass dabei etwas passieren muss. Nicht, um ruhig zu werden. Einfach nur, um zu atmen.
- Lass den perfekten Moment los. Du brauchst keine Stille, keine Kerze und keine halbe Stunde. Der Moment, in dem du gerade bist, ist gut genug.
Es braucht keine hundert Umwege und kein „irgendwann“. Es darf jetzt sein. Und es muss nicht perfekt sein.
Du darfst einfach sein
Du musst nichts werden. Du bist schon alles. Und du darfst einfach sein.
Wenn du magst, dass ich dich dabei begleite, diese Rückverbindung Schritt für Schritt in deinen Alltag zu holen, dann schau gern bei meinem Kurs Die Lichtung vorbei. Sieben Wochen, in deinem Tempo, ohne Druck und ohne Versprechen, dass du danach jemand anderes bist. Sondern mit der Einladung, wieder mehr du selbst zu sein.
Und jetzt bin ich neugierig: Was ist dein „um zu“? Schreib es mir gerne per Email oder auf Insta.
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