Es gab eine Zeit, in der niemand einen Kalender brauchte, um zu wissen, welche Jahreszeit gerade ist. Man spürte es. Am Licht, das morgens durchs Fenster fiel. An der Kälte, die sich in die Luft schlich. An der Ernte, die man einholte, bevor der erste Frost kam.
Heute ist das anders. Im Supermarkt gibt es Erdbeeren im Dezember und Kürbisse im Mai. Unsere Wohnungen sind das ganze Jahr über gleich warm, künstliches Licht lässt uns vergessen, wann die Sonne eigentlich untergeht. Wir haben viel gewonnen und dabei auch etwas verloren: den unmittelbaren Kontakt zu den Jahreszeiten, die uns früher ganz selbstverständlich getragen haben.
Der Jahreskreis ist eine Einladung, diese Verbindung wieder aufzunehmen.

Was ist der Jahreskreis?
Der Jahreskreis, manchmal auch „Rad des Jahres“ genannt, beschreibt acht Feste, die sich gleichmäßig über das Jahr verteilen und die großen Übergänge der Natur markieren: die Sonnenwenden, die Tagundnachtgleichen, und die Feste dazwischen, die einst den Beginn und Höhepunkt der Erntezeiten kennzeichneten.
Sonnenfeste
Vier davon sind die Sonnenfeste, benannt nach den vier astronomischen Wendepunkten des Jahres:
- Jule (Wintersonnenwende) – die längste Nacht des Jahres; der Punkt, an dem das Licht seinen tiefsten Stand erreicht und von nun an wieder zunimmt
- Ostara (Frühlings-Tagundnachtgleiche) – Tag und Nacht im Gleichgewicht, das Licht gewinnt die Oberhand; ein Fest des Aufbruchs und Neubeginns
- Litha (Sommersonnenwende) – der längste Tag des Jahres; der Höhepunkt von Licht und Kraft
- Mabon (Herbst-Tagundnachtgleiche) – Tag und Nacht wieder im Gleichgewicht, die Dunkelheit gewinnt die Oberhand; Zeit der Ernte und der inneren Bilanz
Feuerfeste
Dazwischen liegen die vier traditionellen Feuerfeste, die in vielen alten Traditionen die eigentlichen Übergänge zwischen den Jahreszeiten markierten – jeweils genau in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten:
- Imbolc (Anfang Februar) – das erste zarte Erwachen des Lichts mitten im Winter; ein Fest der Reinigung und der leisen Vorfreude auf das, was kommen will
- Beltane (Anfang Mai) – der Höhepunkt des Frühlings, Fest der Lebenskraft und des vollen Erblühens
- Lammas / Lughnasadh (Anfang August) – die erste Ernte des Jahres; ein Fest des Dankes für das, was bereits gewachsen ist
- Samhain (Ende Oktober / Anfang November) – das Ende des Erntejahres und der Übergang in die dunkle Jahreshälfte; Zeit des Rückblicks, des Loslassens und der Verbindung zu den Ahnen
Zusammen ergeben diese acht Feste ein Rad, das sich Jahr für Jahr zyklisch weiterdreht. Kein Fest steht für sich allein; jedes bereitet auf das nächste vor.
Was wenige kennen
Der Jahreskreis, wie wir ihn heute mit all seinen acht Festen kennen, ist in dieser vollständigen Form gar nicht uralt. Die vier Feuerfeste – Imbolc, Beltane, Lammas und Samhain – haben tatsächlich echte keltische Wurzeln und wurden so oder ähnlich schon vor über tausend Jahren gefeiert. Die Idee, sie mit den vier Sonnenfesten zu einem gemeinsamen Rad aus acht Stationen zu verweben, ist dagegen deutlich jünger: Sie geht erst auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück, auf die entstehende Wicca-Bewegung in England.
Das macht den Jahreskreis nicht weniger wertvoll, im Gegenteil. Es zeigt, dass Menschen zu jeder Zeit das Bedürfnis hatten, den Jahreslauf in eine Struktur zu bringen, die Sinn stiftet und in Einklang mit der Natur einhergeht. Und dass es völlig in Ordnung ist, sich diese Struktur heute auf seine eigene Weise anzueignen, so wie es Generationen vor uns auch getan haben.
Warum interessieren sich heute wieder so viele Menschen dafür?
Ich glaube, es hat mit genau dem zu tun, was wir eingangs verloren haben: das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, das sich unabhängig von Kalendern und Terminplänen bewegt. Der Jahreskreis erinnert uns daran, dass es natürliche Rhythmen von Wachstum und Rückzug, von Fülle und Stille gibt und dass wir uns erlauben dürfen, uns diesen Rhythmen anzupassen, statt das ganze Jahr über im gleichen Tempo zu funktionieren.
Es ist kein Zufall, dass gerade in einer Zeit, in der so vieles beschleunigt und entkoppelt von der Natur abläuft, viele Menschen wieder nach diesen alten Ankerpunkten suchen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus einem echten Bedürfnis: wieder zu spüren, wann es Zeit ist, loszulassen und wann es Zeit ist, neu zu beginnen.
Altes Wissen, neu gelebt
Man muss dafür keiner bestimmten Tradition angehören oder alte Rituale eins zu eins übernehmen. Der Jahreskreis lässt sich auf ganz eigene Weise leben. Als kleine, bewusste Innehalte-Momente, die sich an den natürlichen Übergängen des Jahres orientieren. Ein Moment der Reflexion zur Tagundnachtgleiche. Ein bewusster Rückblick, wenn das Licht kürzer oder länger wird. Eine kleine Feier der Fülle, wenn alles im Wachsen ist oder geerntet wird, was gewachsen ist. In Verbindung gehen mit der Natur und den Gezeiten, ein Annehmen und Loslassen.
Für mich persönlich ist gerade das der Reiz: altes Wissen und neue Zeit miteinander zu verbinden, ohne dass es angestrengt oder aufgesetzt wirkt.
Wie man den Jahreskreis feiern kann
Es gibt viele Wege, diese Feste sichtbar zu machen. Manche zünden zu den Sonnenwenden Kerzen an, richten kleine Altäre mit saisonalen Naturmaterialien ein, kochen typische Gerichte der jeweiligen Jahreszeit oder gestalten eigene kleine Rituale mit Räucherwerk, Wasser oder Erde. Das ist schön und absolut stimmig und wer daran Freude hat, sollte das unbedingt für sich entdecken. In meiner Praxis habe ich gemerkt, dass vielen Menschen dazu heute die Zeit fehlt.
Inneres Erleben
Mir persönlich geht es in meinen eigenen Kursen deshalb weniger um das Äußere. Ich lege den Schwerpunkt bewusst auf das, was ohne viele Hilfsmittel möglich ist: das innere Erleben. Meditationen, die dich direkt zu dem führen, was das jeweilige Fest in dir berühren möchte. Reflexionsimpulse, die dich fragen lassen, wo du gerade stehst. Keine Ausstattung, kein Altar, kein bestimmtes Räuchermaterial nötig. Nur du, ein ruhiger Moment, und die Bereitschaft, nach innen zu schauen.
Das nächste Fest im Rad
Gerade befinden wir uns auf dem Weg zu einem der schönsten Übergänge im Jahreskreis: Mabon, der Herbst-Tagundnachtgleiche, an der sich Licht und Dunkelheit für einen Moment die Waage halten. Eine Zeit der Ernte, der Bilanz und der Frage, was du in den kommenden dunkleren Monaten wirklich brauchst.
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Und wenn dich der Jahreskreis als Ganzes begleiten soll, wächst hier über die kommenden Feste hinweg eine vollständige Jahresbegleitung heran, ein Fest nach dem anderen, im natürlichen Rhythmus des Jahres. Wenn Du den Start nicht verpassen möchtest, komm gern in meine Brieffreundschaft. Link zur Brieffreundschaft

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