Vergebung oder Die Lichtung
Vergebung lernen gehört zu den Dingen, die sich niemand aussuchen möchte und die trotzdem irgendwann auf dem Weg liegen. Nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit, leichter weiterzugehen. Diese kleine Geschichte erzählt, wie das aussehen kann.
Die Lichtung und der schwere Rucksack
Ein Wanderer war lange unterwegs. Schon so lange, dass er sich kaum noch erinnerte, wann er losgegangen war. Auf seinem Rücken trug er einen Rucksack und der war schwer. Viel schwerer, als ein Rucksack eigentlich sein sollte.
Denn in ihm waren keine Kleider, kein Proviant, kein Zelt. In ihm waren Steine.
Jeder Stein war ein Wort, das jemand einmal zu ihm gesagt hatte. Eine Enttäuschung, die er nie ganz verdaut hatte. Ein Vorwurf, der sich in ihm festgesetzt hatte. Ein Missverständnis, das er nie auflösen konnte. Eine Wut, die er lang unterdrückte. Ein Mensch, dem er nicht verzeihen konnte oder wollte.
Am Anfang hatte der Rucksack nur wenige Steine enthalten. Klein, kaum spürbar. Aber mit jedem Jahr, mit jeder neuen Enttäuschung, kam ein weiterer Stein hinzu. Und weil der Wanderer es nicht anders kannte, trug er sie einfach weiter. Er dachte, das gehöre zum Gehen dazu. Dass ein volles Leben eben ein volles Gepäck bedeute.
Seine Schultern wurden krummer. Sein Atem flacher. Aber er ging weiter.
Eines Tages, er hätte nicht sagen können, an welchem Punkt seines Weges genau, kam er auf eine Lichtung. Die Bäume wurden weniger, das Licht fiel weich durch die Blätter, und mitten in dieser Stille saß eine alte Frau.
Sie schaute ihn nicht überrascht an, als wäre sie ihn erwartet. Sie sah seinen Rucksack, sah, wie er sich unter dem Gewicht nach vorne beugte, und bat ihn, sich zu ihr zu setzen.
Ohne ein Wort öffnete sie den Rucksack. Stein für Stein nahm sie heraus und legte ihn vor ihm in das Gras. Und zu jedem einzelnen Stein stellte sie dieselbe Frage:
“Willst du diesen noch tragen?”
Manche Steine nahm er wieder auf und legte sie zurück in den Rucksack. Es war noch nicht an der Zeit, sie loszulassen, und das war in Ordnung so. Andere aber ließ er einfach im Gras liegen. Manche davon, ohne es zu bemerken, wog er sein Leben lang mit sich herum, ohne noch zu wissen, warum.
Als der letzte Stein entweder zurückgelegt oder liegen gelassen war, sagte die Frau einen Satz, den der Wanderer nie wieder vergessen sollte:
“Vergebung bedeutet nicht, dass das Geschehene richtig war. Sie bedeutet, dass du nicht länger bereit bist, es jeden Tag mit dir herumzutragen.”
Der Wanderer saß noch lange auf der Lichtung. Als er schließlich weiterging, war sein Rucksack leichter. Nicht leer, manche Steine trug er noch, aus freier Entscheidung. Aber sein Gang war ein anderer.
Vergebung ist kein Geschenk für den anderen. Sie ist eine Einladung, selbst leichter weiterzugehen.
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